
Neue Wege:
Zum Master of Science mit der Physio-Akademie. Eine Zwischenbilanz nach 5 Jahren.
Wer einen neuen Weg geht, kann etwas berichten. Seit 2006 ist es möglich, in Verbindung mit der OMT-Weiterbildung der AG Manuelle Therapie berufsbegleitend im Fernstudium einen Master-Abschluss an der Teesside University zu erreichen, auch ohne vorherigen Bachelor. Die OMT-Weiterbildung zählt dann als ein Drittel des Gesamtstudiums.
Die Physio-Akademie, unter deren Dach die AG Manuelle Therapie des ZVK die OMT-Weiterbildung anbietet, hat diesen Weg – ermutigt durch das Europäische Bologna-Sekretariat – gebahnt. Auch auf Tagungen und in der Fachpresse findet das Modell positive Aufmerksamkeit.
Die Physio-Akademie verfolgte mit der Öffnung dieses Weges mehrere Ziele, die aber eine gemeinsame Überschrift haben: Befähigung zur Teilhabe!
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Praktikern, die (bislang) nicht studiert haben, soll ein angemessener Weg zu akademischen Abschlüssen und den damit verbundenen Aufstiegs- und Entwicklungsmöglichkeiten eröffnet werden. Die neuen Entwicklungen mitzumachen, darf ihnen nicht unnötig erschwert werden. Die Bildungslandschaft braucht mehr Verknüpfungen zwischen beruflichen und akademischen Weiterbildungen.
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Die deutsche Physiotherapie braucht für ihre Studiengänge, für ihre Schulen, für die Forschung akademisch qualifizierte, erfahrene Praktiker, um hochwertige, praxisnahe Ausbildung und auch Forschung zu gewährleisten.
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Durch ein Studium an einer englischsprachigen Universität erwerben sich deutsche Physiotherapeuten auch die Kompetenz, englischsprachige Fachliteratur zu lesen, sie erschließen sich so die Welt der Physiotherapie und ihrer dynamischen Entwicklung und können dies in ihre Praxis einbringen
Den neuen Weg haben mittlerweile Einige beschritten.
Zeit, einmal nachzufragen, wie es ihnen dabei ergangen ist und was sie aus dem Studium mitgenommen und mitgebracht haben. Erreicht die Physio-Akademie ihre Ziele mit dem binationalen Studiengangsmodell? Und vor allem: Haben sich die Erwartungen der Studierenden erfüllt? Die Physio-Akademie hat sieben bisherige Absolventinnen sieben offen formulierte Fragen gestellt: Zu ihrer Motivation, ein Studium aufzunehmen, zur Vereinbarkeit mit Familie und Beruf, zu Auswirkungen auf die unmittelbare Berufsausübung, ob das Studium zu einer neuen Tätigkeit führte, zu Englisch als Studiumssprache, zur Betreuung durch die Lehrenden der Universität Teesside und schließlich die „Gretchenfrage“, ob und wem man dieses Studium empfehlen kann. Interesse an wissenschaftlichem Arbeiten, an evidenzbasierter Praxis in Verbindung mit Manueller Therapie, Vertiefungsmöglichkeiten, wie sie sonst kaum in Weiterbildungen geboten wird, und besser qualifiziert für Lehre und Praxis zu sein – dies sind häufig wiederkehrende Aussagen auf die Frage nach der Motivation zu studieren. In den Antworten kommt aber auch die Erwartung zum Ausdruck, dass in Zukunft vermehrt Anforderungen gestellt werden, z.B. an Lehrtätigkeiten an Schulen oder in Weiterbildungen. Hierauf rechtzeitig vorbereitet, war ebenfalls eine Motivation.
„Eine gewissen Planung bzw. Zeitmanagement und teilweise Abstriche im Privatleben sind schon nötig (…).
Aber es ist machbar, wenn man eine gewisse Disziplin an den Tag legt“. Eine Aussage einer der Befragten, die es wohl stellvertretend für alle auf den Punkt bringt. Dass die zeitliche Belastung nicht unerheblich ist, und dass eventuell Partner, Familie dies mittragen müssen, betonen alle Befragten. Schließlich wird berufsbegleitend ein Master-Studiengang absolviert. Positiv hervorgehoben wird aber auch die Möglichkeit des flexiblen Studiums, bei dem man das Tempo mit bestimmen kann. In die gleiche Richtung zeigen auch die Antworten auf die Frage, ob das Studium Auswirkungen auf die tägliche Praxis gehabt hätte. Wiederkehrende Motive in den Antworten sind, dass ein anderer Blick auf die Praxis entstanden sei, dass mehr Evidenz in die Behandlungen und in Unterrichtstätigkeit integriert und dass generell die tägliche Praxis kritischer gesehen werde. Auch dass Patienten nun mehr in die Therapiezielbestimmung und in die Beurteilung der Zielerreichung integriert würden, wird berichtet.
Interessant sind die Antworten auf die Frage danach, ob durch das Studium neue Tätigkeiten erschlossen werden konnten. Die Antworten reichen von veränderten Aufgaben im Rahmen der gleichen Anstellung, z.B. in der Anleitung von Kollegen oder der Erarbeitung von evidenzbasierten Vorgehensweisen über Mitarbeit bei der Physiotherapy Evidence Database (PEDro) als Gutachter bis hin zu neuen Positionen an Hochschulen und begonnenem Doktorandenstudium. Englisch war offensichtlich eine weitaus geringere Hürde als erwartet. Schwierig war es, wenn, dann in der Anfangszeit. Doch schnell stellte sich Kompetenz und Routine ein: „Anfangs konnte ich keine Studie ohne Wörterbuch lesen, jetzt ist das kein Problem“, und „mittlerweile lese ich englische Artikel fast wie deutsche“, können als typische Aussagen gelten.
Die zweitletzte Frage betraf die Betreuungsqualität im Rahmen des Fernstudiums. Gelegentlich wurde zwar zügigere Rückmeldung und noch intensivere Betreuung gewünscht, aber insgesamt hoben die Befragten die hohe Qualität und Struktur der Lernmaterialen („Die Unterrichtsmaterialien über das Internet waren vorbildlich“), und die Betreuung vor allem während der Dissertation hervor: „…fühlte mich bestens betreut von meinem Supervisor sowohl fachlich als auch menschlich“; „insbesondere mein Tutor im Mastermodul war enorm freundlich, motivierend und hilfsbereit und immer ansprechbar“.
Bleibt die Frage, ob und wem man das Studium empfehlen kann.
Die befragten Absolventinnen bejahen dies mit Nachdruck und empfehlen es insbesondere allen, die unterrichtend tätig sind, egal ob an Schulen oder im Weiterbildungsbereich. Ferner wird das Studium allen empfohlen, die Freude am wissenschaftlichen Arbeiten habe, ihre Praxis entwickeln wollen und „…die(…) über den Tellerrand der deutschen Physiotherapie schauen möchten.“
Welche Schlüsse lassen sich aus der Befragung ziehen? Zwar war die Befragung nicht repräsentativ. Dennoch geben die Antworten interessanten Aufschluss.
Zunächst: Ein Studium bleibt ein Studium, besonders spürbar dann, wenn es berufsbegleitend ist. Auf den Zeitaufwand muss man sich einstellen. Was die Planung und das Zeitmanagement erleichtert, ist die Flexibilität: Man kann es regulär in einem Zeitraum von zwischen drei und fünf Jahren absolvieren. Zwar sind auch weitergehende Verlängerungen denkbar, von vornherein einplanen sollte man sie aber nicht.
Ein Studium mit der Physio-Akademie eröffnet neue Perspektiven,
die von Promotion (eine Master-Absolventin beginnt gerade ihr Doktorandenstudium), über eine neue Anstellung als wissenschaftliche Mitarbeiterin bis veränderten Tätigkeiten innerhalb der gleich(geblieben)en Stelle reichen. Deutlich wird aber auch: Dies ist kein Selbstläufer. Die neuen Tätigkeiten und Aufgaben kommen nicht zu den Absolventen. Neue Perspektiven müssen verfolgt werden. Dies gilt aber genauso für in Deutschland erworbene Abschlüsse.
Ein weiterer wichtiger Punkt: Die Studierenden erreichen die Lernziele.
Sie studieren erfolgreich. Es ist möglich, auch ohne vorherigen Bachelor-Abschluss das Niveau des Master-Studiengangs zu bewältigen. Von besonderer Bedeutung ist dabei für die Physio-Akademie, dass dies a) im Mutterland des Bachelor-Master-Systems und b) an einer in den vergangenen Jahren immer wieder für seine Qualität ausgezeichneten Universität in England gelingt (die ihr gutes Abschneiden in vielen „rankings“ auch in den Augen unserer Befragten verdient). Insgesamt bestätigen die Ergebnisse den Ansatz der Physio-Akademie für erfahrene und geeignete Berufsangehörige auch den Quereinstieg zum Master-Studium zu ermöglichen, ganz im Sinne eines auf gestaltete Durchlässigkeit angelegten, flexibel auf die bestehenden Bedarfe eingehenden Bildungssystems.
Autor: Prof. Dr. Erwin Scherfer



