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Aktuelles aus der Physio-Akademie gGmH
Auf dieser Seite haben wir Ihnen eine Vielzahl interessanter Artikel aus sechs Rubriken zusammengestellt:
Berufsstand Physiotherapie
Forschung & Entwicklung
Fort- und Weiterbildung
Initiativen, Zentren & Netzwerke
In eigener Sache
Studium Physiotherapie
Öffnung von Bildungsgrenzen
Beruf und Studium am Beispiel Physiotherapie
Jahr für Jahr bekommen wir Deutschen von der OECD um die Ohren geschlagen, dass wir zu wenig Hochschulabsolventen haben (2006: 20 % gegenüber 35 % in den anderen Industrienationen). Jedenfalls wird das immer so in den Medien verbreitet. Dabei wird von den Urhebern solcher Meldungen – und die Journalisten übernehmen es meist unkritisch – regelmäßig vergessen: Im Ausland werden auch Fächer bzw. berufliche Qualifikationen "studiert", wie es hierzulande nicht üblich ist oder war, etwa Bürokommunikation, Hausverwaltung oder auch Physiotherapie. Will man nicht Äpfel mit Birnen vergleichen, sollte man die vorzügliche duale Berufsbildung in Deutschland mit einbeziehen; und da liegen wir bei über 70 %! Allerdings erzeugt die zunehmende Internationalisierung im Berufsbildungs- und Hochschulbereich – Stichwort Kopenhagen-Prozess bzw. Bologna-Prozess – einen wettbewerblichen Angleichungsdruck, und das bedeutet, auch in Deutschland werden in vielen Berufsfeldern weiterführende, akademische Bildungsangebote entwickelt. Berufliche Qualifikationen werden zunehmend in den tertiären (hochschulischen) Bereich verlagert. So sind in den letzten Jahren neue Studiengänge wie z.B. in den Pflegewissenschaften entstanden. Auch Physiotherapie ist mit 16 Bachelorstudiengängen und drei Masterstudiengängen an Universitäten vertreten.
Drei Folgerungen
Nun stellt sich damit aber ein ganz besonderes Problem: Nachwuchskräfte kommen vermehrt mit einem Hochschulgrad in die berufliche Praxis, während erfahrene und kompetente Berufstätige kaum die Möglichkeit haben, sich auf ähnlichem Niveau weiterqualifizieren, da es in Deutschland üblicherweise einer formalisierten Hochschulzugangsberechtigung bedarf , wenn man an einer Fachhochschule oder Akademie studieren will, und diese liegt oft nicht vor. Hier haben die Erklärungen von Kopenhagen (2002 zur beruflichen Bildung) und Bologna (1999 zum Hochschulraum) jedoch neue Wege eröffnet, indem nämlich nicht mehr nur von formalen Qualifikationen geredet wird, sondern von Kompetenzen, die z.B. im Beruf oder auf andere Weise erworben sein können. Heftige Diskussionen in den europäischen Staaten drehen sich um die Bewertung und Anerkennung solcher Kompetenzen im Rahmen von akademisierten Ausbildungen. Hierbei ist man in Großbritannien sehr viel weiter. Wenn also in der Physiotherapie wie in anderen nicht-ärztlichen Gesundheitsfachberufen eine starke Tendenz zur Verlagerung in den tertiären Bereich zu konstatieren ist, so bleibt in Deutschland weiterhin ein großer Teil des Berufsstandes der Physiotherapeuten faktisch von diesen tertiären Bildungsformen ausgeschlossen. Die deutsche Physiotherapie ist deshalb auch gekennzeichnet von einer deutlichen Verzögerung bezüglich fachlich-wissenschaftlicher Entwicklungen, die sich international vollziehen. Es sind also drei Folgerungen zu ziehen: 1. Der Zugang zu einschlägigen Studiengängen für Berufstätige mit entsprechender Kompetenz sollte ermöglicht werden. 2. Beruflich und in der Praxis bereits Qualifizierte sollten ihre Kenntnisse in einem Studiengang angerechnet bekommen, denn ein deutscher Physiotherapeut ist nicht sechs Semester von einem Bachelor-Niveau entfernt. 3. Studienprogramme müssen so organisiert werden, dass sie berufsbegleitend studiert werden können.
Die Lösung des Problems durch die Physio-Akademie
Möglichkeiten, mindestens den ersten beiden oben genannten Forderungen nachzukommen, eröffnet der Bologna-Prozess, der sich z. Zt. In 46 europäischen Staaten vollzieht, also nicht nur in denen der Europäischen Union. Im vergangenen Sommer habe ich an dieser Stelle über die Verflechtung der Bildungssysteme informiert, genauer: über die Kooperation deutscher Bildungseinrichtungen, die keinen Hochschulstatus besitzen, aber durch den Anschluss an einen britischen (Hochschul-)Partner und die Akkreditierung durch ihn hochschulische Abschlüsse anbieten können. Genau diesen Weg ist die Physio-Akademie gegangen, das gemeinnützige Bildungswerk des Deutschen Verbandes für Physiotherapie ZVK. Sie hat mit der Universität Teesside in Middlesbrough, England, nach einem intensiven Prüfungsprozess ("institutionelles Audit"), der durch ein ausgefeiltes System von Qualitätssicherung durch "Peer Review" und Supervision laufend fortgesetzt wird, einen formellen Kooperationsvertrag geschlossen. Dieser erlaubt es, die schon bestehenden Programme der Physio-Akademie in die Studiengänge der britischen Universität zu integrieren. (Teesside ist der Name eines Städteverbundes in Nordengland, die dortige in Gesundheitswissenschaften für ganz England maßgebende Universität ist aus einer früheren "Polytecnic" hervorgegangen.) So sind die Zertifikatskurse der deutschen Physio-Akademie, z.B. in Manueller Therapie, in ein berufsbegleitendes Bachelorprogramm der University of Teesside als Modul "Applied Rehabilitation" eingepasst worden. Einerseits qualifizieren sich die Teilnehmer des Studiengangs mit dem Zertifikat für den deutschen Arbeitsmarkt – die Krankenkassen haben bestimmte Vorgaben festgelegt, die eine bessere Abrechnungsmöglichkeit von therapeutischen Dienstleistungen bedingen und mit den zweijährigen Zertifikatskursen erfüllt werden –, andererseits erhalten sie durch diese Bildungsbrücke einen unkomplizierten Einstieg in akademische Qualifikationswege.
Angebote sollten sich nach Berufsangehörigen richten
Ebenso gibt es Weiterbildungsprogramme der Physio-Akademie, die den internationalen Standards, wie sie von der zuständigen Organisation mit dem Kürzel IFOMT formuliert werden, entsprechen. Diese Standards, die noch höher anzusetzen sind als das von den Krankenkassen anerkannte Zertifikatsniveau, werden im Ausland meist durch Masterstudiengänge erfüllt. Und so konnte folgerichtig erreicht werden, dass entsprechende Weiterbildungsprogramme der Physio-Akademie zu einem erheblichen Teil des Masterstudiums wurden. Inhaltlich im Zentrum stehen die funktionelle Untersuchung des Bewegungsapparates und die Vermittlung von Behandlungstechniken. Es werde u. a. vertiefte Kenntnisse und neue Erkenntnisse der Muskelphysiologie, der Biomechanik und der Schmerzforschung vermittelt; als wissenschaftliche Inhalte auf höchstem Niveau. Der zu erreichende Master eröffnet schließlich auch Promotionschancen. Aber das Studium beinhaltet auch sehr praxisorientierte Module, die sich etwa mit Anleitung und Coaching in Lernprozessen, Evidenzbasierter Praxis und verschiedenen Forschungsmethoden befassen.
Da ein großer Teil des Studiums als Fernstudium und über das Internet zu absolvieren ist, sind die Angebote gut mit Familie und Beruf vereinbar. Auch das Lerntempo kann viel besser selbst bestimmt werden. Auf diese Weise führen intelligent flexible Kooperationsformen im Rahmen der neuen europäischen Möglichkeiten zur Überwindung von Bildungsgrenzen. Denn es ist besser, dass Bildungsangebote sich auch nach den Bedürfnissen und Erfordernissen der berufsangehörigen richten als umgekehrt.
Weitere Informationen: www.physio-akademie.de; Telefon 0 47 05/95 18 26.
Autor der Artikelserie:
Dr. Hans-Henning Kappel
Johann Wolfgang Goethe-Institut
Fernstudium und Weiterbildung
Senckenberganlage 15
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Telefax 0 69/7 98-2 380 5
Quelle: "Frankfurter Allgemeine Zeitung", 29.11.2008



